Riesenfischsaurier aus Nordbayern schwamm verletzt durchs Jurameer
Urwelt-Museum Oberfranken, Bayreuth:
Ein Fossilfund aus Mistelgau in Nordbayern zeigt: Offenbar haben die letzten Vertreter der riesigen Fischsaurier der Gattung Temnodontosaurus im südwestdeutschen Meeresbecken länger existiert als bisher angenommen. Das Meeresreptil aus der frühen Jurazeit ist außergewöhnlich gut erhalten. SNSB-Forschende fanden neben Verletzungen am Skelett des Meeresräubers auch Magensteine im Bauchraum des Tiers – ein Phänomen, das man in der Regel von Vögeln, Dinosauriern oder Krokodilen kennt. Die Ergebnisse ihrer Untersuchung veröffentlichen die Forschenden in der paläontologischen Fachzeitschrift Zitteliana.
Die Tongrube Mistelgau nahe Bayreuth ist bekannt für ihre gut erhaltenen Meeresfossilien, insbesondere für ihren Reichtum an Fischsauriern (Ichthyosaurier). Die großen Meeresreptilien ähnelten in ihrer Gestalt heutigen Delfinen und lebten weltweit zur Zeit des frühen Jura vor rund 180 Millionen Jahren. Der jetzt untersuchte Fischsaurier aus Mistelgau gehört zur Gattung Temnodontosaurus. Erhalten sind mehrere Teile seines Skeletts: Fragmente des Schädels und Unterkiefers, der Schultergürtel, Vorderflossen, die Wirbelsäule sowie über 100 Zähne. Die außergewöhnliche dreidimensionale Erhaltung erlaubt den Forschenden detaillierte Einblicke in bislang nur selten überlieferte anatomische Strukturen, etwa im Bereich des Gaumens, der Augen und der Flossen. Vergleiche zeigen deutliche Ähnlichkeiten, aber auch Unterschiede zur Art Temnodontosaurus trigonodon – Tiere dieser Art gehören zu den größten bekannten Fischsauriern überhaupt. Basierend auf seiner Schädellänge von 1,5 Metern dürfte das Tier etwa 6,6 Meter lang gewesen sein.
„Unser Temnodontosaurus-Fossil gehört zu den jüngsten Funden dieser Fischsauriergattung überhaupt. Bisher kennen wir deren Vertreter hauptsächlich aus älteren Fundschichten, wie dem Posidonienschiefer von Holzmaden. Der Fund aus Mistelgau zeigt nun, dass diese großen Meeresreptilien im südwestdeutschen Meersebecken länger überlebt haben als bisher dokumentiert“, sagt SNSB Paläontologin Dr. Ulrike Albert, Autorin der Studie. Albert forscht am Urwelt-Museum Oberfranken in Bayreuth, einem von zehn Museen der Staatlichen Naturwissenschaftlichen Sammlungen Bayerns. Das Team des Urwelt-Museums Oberfranken führt seit 1998 regelmäßige Ausgrabungen in Mistelgau durch. Die dort geborgenen Fossilien werden im Urwelt-Museum präpariert und anschließend wissenschaftlich untersucht.
Besonders auffällig sind mehrere, vermutlich verletzungsbedingte Veränderungen des Skeletts, unter anderem am Schultergelenk und Kiefergelenk des Reptils. „Die Verletzungen dürften das Tier beim Beutefang deutlich eingeschränkt haben“, erklärt Stefan Eggmaier, Präparator am Urwelt-Museum und ebenfalls Autor der Studie. „Dass es dennoch überlebt hat, zeigen unter anderem seine stark abgenutzten Zähne und Magensteine, die wir im Bauchraum nachweisen konnten.“ Magensteine sind bei Ichthyosauriern wie Temnodontosaurus extrem selten. Möglicherweise musste das Tier seine Nahrung umstellen, um die Verletzungen zu überleben, vermutet Eggmaier.
Die aktuellen Ergebnisse sind Teil laufender Forschungen zur Ökologie des Jurameeres in Oberfranken. Geplant sind Analysen an Zähnen und Knochenstrukturen, mit dem Ziel, die Ökologie der Lebensräume dieser Tiere besser zu verstehen.
Publikation:
Eggmaier SA, Albert UEG (2026) A partial skeleton ofTemnodontosaurus cf. trigonodon in three-dimensional bone preservation from the upper Toarcian of Mistelgau, Germany. Zitteliana 100: 39-80. https://doi.org/10.3897/zitteliana.100.172724
Wissenschaftlicher Kontakt:
Dr. Ulrike Albert
SNSB – Urwelt-Museum Oberfranken
Kanzleistraße 1, 95444 Bayreuth
Tel.: 0921-511 211
E-Mail: albert@snsb.de


