DNA aus 17.000 Jahre alten Knochen verrät: Großkraniche waren einfach große Kraniche
Paläoanatomie
München, 04.11.2026: Forschende zeigen mithilfe von DNA aus 17.000 Jahre alten Knochen: Europas Großkraniche ab der späten Pleistozän-Zeit gehören nicht wie bisher angenommen einer vor rund 1.000 Jahren ausgestorbenen eigenständigen Art an, sondern derselben Art wie die heute immer noch weit verbreiteten Graukraniche Grus grus. Seit Beginn des Hochmittelalters sind die Graukraniche allerdings immer kleiner geworden. Ein internationales Forschungsteam, mit Beteiligung der SNSB-Archäozoologin Nadja Pöllath, veröffentlichte diese Ergebnisse kürzlich in der Fachzeitschrift Royal Society Open Science.
Kraniche waren in Europa schon vor 17.000 Jahren, während des späten Pleistozäns, weit verbreitet. 1869 beschrieb der französische Zoologe Henri Milne-Edwards anhand von Knochenfunden eine vermeintlich vor 1.000 Jahren ausgestorbene große Kranichart: Grus primigenia. Ein Blick in die Gene brachte nun Klarheit. Einem internationalen Forscherteam unter der Leitung von John Stewart von der Universität Bournemouth gelang es, verwertbare DNA aus bis zu 35.000 Jahre alten Knochenfragmenten dieser Vögel zu gewinnen und zu sequenzieren. Das Team untersuchte Kranichknochen aus einem Zeitraum vom späten Pleistozän bis ins Mittelalter (ca. 17.000 bis 1.000 Jahre vor heute) von verschiedenen Fundstellen quer durch Europa, von Großbritannien über Frankreich und Spanien bis nach Deutschland.
Das Ergebnis: Alle untersuchten Überreste des pleistozänen Großkranichs gehören zur selben Art, dem Graukranich Grus grus – der auch heute noch häufigsten Kranichart Europas. Damit widerlegen die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler nun sämtliche Hypothesen zu den Verwandtschaftsverhältnissen der europäischen Großkraniche. Es gab weder die ausgestorbene Art Grus primigenia, noch waren die eiszeitlichen Kraniche verwandt mit anderen, heute noch existierenden großen asiatischen Kranicharten.
Irregeführt hat die Forschenden bislang die Größe der Tiere: Funde belegen, dass bis vor etwa 1.000 Jahren Kraniche existierten, die deutlich größer waren als heutige Graukraniche. Daher vermuteten Zoologinnen und Zoologen lange Zeit eine eigene Art, die vor ca. 1.000 Jahren verschwand.
„Warum es bei dieser Vogelart vor rund 1.000 Jahren zu so einer so deutlichen Größenreduktion kam, wissen wir nicht genau. Womöglich waren damals schon Veränderungen in der Landnutzung durch die damaligen Menschen, wie etwa die Trockenlegung von Feuchtgebieten ein auslösender Faktor. Kraniche brüten hauptsächlich auf feucht-nassen Flächen wie Mooren oder Feuchtwiesen. Verkleinert sich ihr Lebensraum, kommt es zu Störungen während der Brutzeit, und ihr Nahrungsangebot schrumpft. Möglicherweise wurden Kraniche zusätzlich als Ernteschädlinge bejagt“, erläutert Nadja Pöllath, Archäozoologin an den Staatlichen Naturwissenschaftlichen Sammlungen Bayerns und Co-Autorin der Studie.
Insgesamt beteiligten sich 12 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler an der Studie, federführend Forschende der Universitäten in Bournemouth und des Schwedischen Museums für Naturgeschichte.
Publikation:
John R. Stewart, Rebecca Rickard, Sheila Hamilton-Dyer, Keith Dobney, Veronique Laroulandie, Josep Antoni Alcover, Joan Femenias-Gual, Nadja Pöllath, Erik Ersmark, Bodil Cronholm, Per G. P. Ericson, Love Dalén; Ancient DNA study resolves the taxonomic status of the extinct large Palaearctic crane Grus primigenia Milne-Edwards, 1871 (Aves: Gruiformes: Gruidae). R. Soc. Open Sci. 1 October 2026; 13 (10): 260699. https://doi.org/10.1098/rsos.260699
Wissenschaftlicher Kontakt:
Dr. Nadja Pöllath
SNSB – Staatssammlung für Paläoanatomie
Tel.: 08121 7089 33, E-Mail: poellath@snsb.de