Nach dem Ende Roms: Wie die Bevölkerung Mitteleuropas entstand
München, 29.04.2026
Eine internationale Studie mit bayerischen Funden zeigt: Die Bevölkerung Süddeutschlands entwickelte sich nach dem Zusammenbruch des Römischen Reiches durch die schrittweise Vermischung unterschiedlicher Gruppen und regionale Mobilität – nicht durch einzelne große Wanderungsbewegungen. Die Studie erschien nun in der renommierten Fachzeitschrift Nature.
In der Zeit zwischen Antike und Frühmittelalter entstanden viele Dörfer und Städte im Süden Deutschlands auf ehemals römischem Boden oder in unmittelbarer Nähe des Limes, der einstigen Reichsgrenze Roms. Bisher interpretierte man diese Besiedelungsphase nach dem Ende des Weströmischen Reiches als Ergebnis großräumiger Invasionen durch germanische Stämme. Neue genomische Analysen zeigen nun, dass die Besiedelung Süddeutschlands nicht durch einzelne große Eroberungszüge, sondern durch schrittweise, kleinere Migrationsprozesse erfolgte. Ein internationales Forschungsteam aus Anthropologen, Historikern und Archäologen hat die Genome von Menschen aus der Zeit zwischen 400 und 700 n. Chr. analysiert. Untersucht wurden Skelettfunde aus Reihengräberfeldern Süddeutschlands, darunter bayerische Fundstellen wie Weilheim, Ergoldsbach, Burgweinting und das Gräberfeld von Essenbach-Altheim im Landkreis Landshut. Frühmittelalterliche Friedhöfe wie diese waren ab Mitte des 5. Jahrhunderts in Süd- und Westdeutschland verbreitet und durch ihre Lage nahe des Donau-Limes für die Forschenden von großem Interesse.
Die Daten zeigen, dass sich nach Auflösung der römischen Verwaltungsstrukturen zunächst genetisch klar unterscheidbare Gruppen miteinander vermischten. Dabei trafen Menschen mit nördlichen Wurzeln auf Bevölkerungen aus römisch geprägten Stadt- und Militärsiedlungen, deren Herkunft selbst vielfältig war. Die genetische Durchmischung vollzog sich durch die Migration kleinerer Gruppen innerhalb weniger Generationen. Nach nur 150 Jahren ähnelte die Bevölkerung südlich des Limes in ihren Genen bereits heutigen Mitteleuropäern. Die rasche Durchmischung führen die Forschenden auf einen gemeinsamen kulturellen Hintergrund zurück: Womöglich spielten die Lebensart und Traditionen der spätrömischen Gesellschaft eine verbindende Rolle. Die Rekonstruktion von Familienstrukturen zeigt: Die Gesellschaft war überwiegend durch Kernfamilien geprägt, Ehen waren monogam, Ehen zwischen nahen Verwandten wurden vermieden. Erbliche Rechte konnten sowohl über Töchter als auch über Söhne weitergegeben werden.
Die Anthropologinnen Michaela Harbeck und Maren Velte von den Staatlichen Naturwissenschaftlichen Sammlungen Bayerns (SNSB) waren maßgeblich an der Studie beteiligt. Neben der Bereitstellung zentraler Fundbestände wurden an der anthropologischen Staatssammlung in München osteologische und isotopenanalytische Untersuchungen durchgeführt. „Unsere Analysen der Knochenstruktur und spezieller chemischer Signaturen der Knochen lieferten ergänzende Informationen zu Mobilität und Herkunft der Menschen zu der Zeit. Diese bestätigen die genetischen Ergebnisse“, erläutert SNSB Anthropologin Maren Velte.
„Unsere Sammlungsbestände ermöglichen es, grundlegende Fragen zur Bevölkerungsentwicklung im Übergang von der Antike zum Mittelalter auf einer belastbaren Datenbasis zu untersuchen. Die Studie verdeutlicht, wie eng biologische und kulturelle Entwicklungen miteinander verknüpft sind“, so Michaela Harbeck, Kuratorin der anthropologischen Sammlung der SNSB. „Wir sehen klar, wie sich gesellschaftliche Strukturen über politische Umbrüche hinweg fortgesetzt haben.“
Archäologen und Restauratoren des Bayerischen Landesamtes für Denkmalpflege (BLfD) begleiteten die Ausgrabungen der untersuchten Gräberfelder in Bayern fachlich und bereiteten das Fundmaterial für die archäologische Auswertung auf. Die populationsgenetischen Untersuchungen ergänzen die Ergebnisse der Archäologie und deren wissenschaftliche Interpretation nun maßgeblich. Jochen Haberstroh, stellvertretender Leiter der Abteilung Bodendenkmalpflege am BLfD, sagt: „Altbayern ist ein hervorragendes Labor, um den Übergang von der Antike ins Mittelalter zu untersuchen. Wir sehen an dem Projekt das große Potenzial der Erforschung bayerischer Bodendenkmäler im Austausch mit naturwissenschaftlicher Spitzenforschung.“
Die Studie wurde initiiert von Forschenden der Eberhard Karls Universität Tübingen, der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg sowie den Staatlichen Naturwissenschaftlichen Sammlungen Bayerns und des Bayerischen Landesamtes für Denkmalpflege. Maßgeblich beteiligt waren zudem Populationsgenetiker der Johannes Gutenberg-Universität Mainz sowie der Universität Freiburg, Schweiz. Die Forschung wurde durch die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) im Rahmen der Tübinger Kolleg-Forschungsgruppe 2496 „Migration und Mobilität in Spätantike und Frühmittelalter“ und durch den Schweizerischen Nationalfonds (SNF) gefördert.
Publikation:
Blöcher, J., Vallini, L., Velte, M. et al. Demography and life histories across the Roman frontier in Germany 400–700 ce. Nature (2026). https://www.nature.com/articles/s41586-026-10437-3
Wissenschaftlicher Kontakt:
Prof. Dr. Albert Zink, Abteilungsleiter
SNSB – Staatssammlung für Anthropologie München
Tel.: +49 89 5488 438 11
E-Mail: zink@snsb.de




